Über Grenzorte.

Der lange Schlag von 22 Stunden zurück an die französische Riviera ist geschafft! Macinaggio – wir erinnern uns aus dem letzten Blog – von diesem Grenzort sind wir an die französische Küste in den nächsten Grenzort gelangt: städtisches Menton. Die Corniches winden sich hoch oben durch die felsigen Hänge, wo Lastwagen schnaufen, Autos rauschen und Motorräder heulen, Helikoptoren hubschraubern über den Hafen Garavan Materialien von irgendwo zu Baustellen an der Uferstrasse. Damit bestehende Appartmenthäuser neue Nachbarschaft erhalten, meersichtlustige Menschen sich ein Zuhause mit Aussicht gönnen können. Macinaggio, der kleine, hübsche Ort umgeben von viel Natur dort, hier Menton mit viel Vonmenschgemachtem, der auch gefällt. 700 Meter vom Hafen ist bereits die französisch-italienische Grenze.

Und dazwischen?

Ebenfalls Grenzorte, besser: ein bisschen Grenzerfahrungen. Leinen los in Macinaggio um 10 Uhr. Kurz nach der Hafenausfahrt Segel hissen: mehr Wind als angekündigt, aber passend gerefft ganz gäbig. Ums Cap Corse, vorbei an Giraglia. der Leuchtturminsel, die einer bekannten Regatta den Namen gibt. Dann flaut der Wind ab, die Wellen blieben vergleichsweise (zu) hoch. Zweimal halsen wir, um das Windloch zu umfahren, den Segeln den nötigen Vortrieb zurückzugeben. Erfolglos. Die Welle verhaut das Segelprofil Darum kommt das kleine volvopentagrüne Kraftpaket zum Einsatz. Segelpause. Die Prognosen lassen aber uns wissen: Es kommt weiter nördlich wieder Wind auf, ab 20 Uhr abends süüferli mehr, bis zu einer sportlichen Stärke. Diese Windstärke trifft tatsächlich ein, doch mit ihr wieder zünftige Wellen. Und immer wieder durchfahren wir Schwemmholz-Ansammlungen. Zwar trieben die Wellen und Schwemmhölzer in unserer Richtung und nicht gegenan, doch dem Kunststoffrumpf wollten wir zu viel Wumms nicht zutrauen. Das kann gefährlich werden! Alle gesund und alles ganz ist noch immer unsere Devise. Also hält einer mit Taschenlampe Ausschau nach Holz, während der andere steuert, Wellen abreitet, den Wind richtig ausnützt. Des nachts. Das fordert! Irgendwann befinden wir, dass es sinnlos ist, wenn sich beide gleichzeitig draussen abmühen. Daher bleibt einer oben und der andere installiert sich unter Deck, navigieren müssen wir auch, das Ufer und ein Kap mit Untiefen und Felsen naht. Oben auf dem Deck Rodeo, unten am Navigationstisch Achterbahn. Das fordert auch!

Ein Engel klebt über der Kajütentür.
Für alle Fälle.

Beide hatten wir derweil unsere durchaus ambivalenten Grenzgedanken: Warum mache ich das? Wie schön, dass ich diese Naturgewalt erleben darf. Hätte ich diese Wellen nicht voraussehen können? Werden sie noch grösser? Hey, das nächste Mal erwischst du mich nicht mehr von der Seite. Brauche ich das? Nicht wirklich, aber wenn ich schon mal hier bin, gönne ich mir das. Was ist, wenn diese Verhältnisse bis vor den Hafen anhalten, erwischen wir die Einfahrt? Wird schon ruhiger werden, einfach mal weiter. Habe ich wirklich den richtigen Überfahrtstag gewählt, was habe übersehen? Sind bloss 5 Beaufort-Böen, die schaffen uns nicht. Adrenalingefühlsrollercoaster pur. Und für das Glück hat unser Engel für alle Fälle gesorgt. Danke auch dafür.

Drei Stunden vor Menton liessen Wind und Welle etwas nach. Die Hafeneinfahrt: lange Zeit blieb die eindeutige Sicht auf die Einfahrt verborgen. Denn: Hafeneinfahrtsbefeuerungen sind selbst mit bestimmten Kennungen vor beleuchtetem Hintergrund (Strassen, Häuser, Ampeln) sehr schwierig auszumachen. Grenzwertig für den Seemann.

Um 8:30 Uhr, nach 22 Stunden, steht im Logbuch: Leinen fest Port Garavan, Menton. Französisches Festland erreicht, wir sind wieder kontinental.

Um 19:30 selbentags könnte im Logbuch stehen: Besprechung der Nacht(Über-)fahrt und Erkenntnisse daraus. Aber das ist zu persönlich, ja, das wäre grenzwertig, sie einfach hier preiszugeben. Das müsst ihr persönlich von uns erfahren. Aber erst, wenn die Quarantänegrenzen für uns wieder abgebaut sind. Mindestens einen Blog sollt ihr bis dahin noch lesen dürfen. Versprochen.

Denn noch ist olmahoi unterwegs…

Letzter Halt vor Quarantaine.

Bonjour. Heute nur ganz kurz und ziemlich sachlich, denn wir sind es Bitzeli aufgeregt vor der letzten „grossen“ Passage. Doch der Reihe nach. Wanderlust und Crew haben wohlauf in Macinaggio angelegt. Letzter Halt auf Korsika, im nördlichsten Hafen an der Ostküste. Nur ein paar Meilen weiter wartet das Cap Corse und die berühmte Leuchtfeuer-Insel Giraglia auf uns.

Vor knapp einer Woche sind wir in Olbia losgefahren, wie Diebe haben wir uns morgens um vier aus dem Hafen gestohlen und bei steifem Südwest das Capo Figari gerundet. Rodeo, aber die Segel schön gerefft! Kurz vor der Strasse von Bonifacio mussten wir leider auf die fossile Antriebsart wechseln. Schade zwar, aber immer noch besser, als diese Passage mit 25-30 Knoten böigem Wind bewältigen zu müssen – genau so strich der Maestrale von West nach Ost die Tage vor- und nachher durch die Düse. Begleitet von leichten Regenschauern fanden wir in Porto Vecchio einen netten Empfang und ein sicheres erstes Quartier an Korsikas Ostküste. Arrivederci Sardegna, bonjour la Corse.

Nach einem Ruhe-Landtag meisterten wir  – mit einem Zwischenstopp in Solenzara (der Ort mit der höchsten Pizzeria-Dichte in Westeuropa) – die nächsten Meilen nach Bastia. Ein grosser Gump, immer auf der Hut vor den sich rundum auftürmenden und ausleerenden Gewittern. Grossartige, beeindruckende Wetterszenerien, wir mittendrin und sehr sehr klein. Dazwischen wieder Sonne und Wärme pur, kurze Hosen Mitte Oktober, auch nicht schlecht. Und gestern eben der voraussichtlich letzte Schlag auf Korsika in den Hafen von Maginaccio. Ein Sehnsuchtsort irgendwie, mit dem ganz bestimmten Charme eines Grenzpostens. Magie Peripherie. Ein kleines Kaff mit alten, schrägen Häusern, umrahmt von sanften, grün bewachsenen Hügeln im Westen und herrlichen Aussichten auf Capraia und Elba im Osten. Wir fühlen uns sehr wohl hier, finden eine gastliche Ruhe und genug von allem, was wir grad benötigen. 

Doch der Horizont ist nahe. Ennet dem Cap Corse wartet die französische Küste und irgendwo dahinter wohl die Quarantäne. Dazwischen warten noch einige Meilen Mittelmeer auf uns. Mit einer gesunden Mischung Vorfreude und Respekt bereiten wir uns darauf vor. Und beim nächsten passenden Wetterfenster werden wir die Leinen wieder lösen.

Bis die Tage, zwischen Sehnsucht und Quarantäne.

olmahoi, auf dem Weg nach Giraglia.

Olbia zum Ersten, Zweiten, Dritten und… zum Vierten!

Olbia, regionales Zentrum an der Nordostküste Sardiniens: hier sind wir nun das vierte Mal seit Mitte September. Das erste Mal kam der erholungsbedürftige Gastblogger Mätthu ab Olbia Marina, etwas ausserhalb des Zentrums, an Bord. Dieser wollte nach der Segelwoche im Maddalena-Archipel auch wieder mal nach Hause. Darum kehrten wir zum Circolo Nautico an der altehrwürdigen Molo Brin zurück, nun zmittsdrinn grad am Kopf (oder Fuss?) des Corso Umberto gelegen. Das ist diejenige Einkaufsmeile, welche wir wie Spital- und Marktgasse zu Hause kennen. Das dritte und vierte Mal Olbia, abermals im Circolo Nautico, wo uns Tiziano und Hafenmeister Francesco – oder heisst er Frederico? – bereits einen Stammplatz zugewiesen haben, kamen und gingen die Fendergörls, welche ebenfalls eine Segelwoche mit uns genossen haben. Wir auch mit ihnen.

Äbe, Olbia, unser Olbia, das ist der Corso Umberto: Hier am Kopf (oder eben Fuss) die nervige Fussgängerampel, die immer schön 90 Sekunden runterzählt, bevor es für Nichtberäderte grün wird, da der Optiker des Vertrauens (Gianni Posanu selig) fürs neue Gebrill, dort die Apéro-Bar an der Piazza Margherita an der Ecke rechts, deren Namen wir immer noch nicht kennen, die Angestellten uns jedoch schon derart, dass das Grüssen-Hinsetzen bereits einen mutuellen Vertragsschluss zu einem Spezieskauf darstellt: Ichnusa non filtrata grande per favore!

Unweit vom Corso Umberto und der Piazza Margherita, in der Via Acquedotto, dann The Jeffersons, die Selbstwaschanstalt mit sagenhaftem Gratis-Internetanschluss und ebensolchem kostenpflichtigem Frischwäscheduft (Oli ist Fän davon), zu 4 Euro pro 10 Kilo-Trumele 40 oder 60 Grad à 34 und 38 Minuten und 1 Euro pro 10 Minuten Tömmbler, egal ob warme, mittlere oder heisseste Trocknungs-Stufe. 30 Minuten reichen völlig.

Ebenfalls in einer Nebengasse, der Via Regina Elena, ist Guafför Deiana, wo Vater und Sohn fürs Haarelassen und Bartwegmachen sorgen, sodass Guafför Marc und Oli auch mal Ferien machen können.

Das Ristorante Da Paolo, unweit davon, hat beim ersten Mal nicht recht überzeugt. Wenn der Fisch vom Tag einfach ein Querbeet aus dem Fisch- und Meeresfrüchtebestand (usem Gfrüüri?) ab Grill ist, gut durchgetrocknet fast wie bei Jeffersons die Wäsche, finden das Oli und Christine nicht so gluschtig. Marcs Pferd hatte einen Feuerlauf hinter sich. Einzig Siles „Thoon“ sah nicht nur toll aus, sondern schmeckte ihr auch sehr. Das Ristorante La Lanterna hingegen, auch gleich umen Egge, war auch das zweite Mal vorzüglich, mou. Hauswein aus der Flasche mit eigener Etikette, leckere Muscheln und Fettucine, tolle Pizzen/Pizzas/Pizze, Sorbetto al Limone eifach obenuse, guter Service.

Ja, und mittlerweile ist sogar die Bäckerei fürs Cornetto gefunden, die auch gut zu Olis Füssen erreichbar ist. Das kann der Skipper.

Doch damit nicht genug. Olbia ist auch unser Schlechtwetter- und Windschutz, bereits zwei Mal Mistral und ein Mal argen Südwind haben wir hier vorbeziehen lassen, fachmännisch festgezurrt. Und das tun wir auch jetzt, eben das vierte Mal: es bläst wieder zünftig aus Westen und gleichzeitig ruft langsam, langsam Wanderlusts Heimathafen an Frankreichs Südküste. Aber noch dürfen wir die Dufour 350 für lange und drei Wochen bewohnen und besegeln. Dies im etwas unsteteren, wohl frischeren, aber nicht unschöneren Oktoberwetter. Und wenn auf Deck ein steifer-beissiger Wind wehen sollte, können wir uns nun im nötigenfalls (endlich) heizbaren Unterdeck aufwärmen. Das kann der Skipper eben auch. Die Crew dankt herzlich und wärmstens!

olmahoi, bald nordwärts – und dieses Mal richtig.

Hafenlebenlieben.

Die besten Häfen sind Buchten. Einige Buchten heissen – wenigstens auf Sardinien – auch „Porto“, was zweierlei zeigt. Erstens: Buchten dienten früher als Häfen, sie waren quasi solche und zweitens: Die besten Häfen findet man, wie bereits erwähnt, in Buchten. Vor Anker.

Nun geht es aber eben um die eigentlichen Häfen. Denn wir haben heute – nicht zum ersten und wohl auch nicht zum letzten Mal – in einem Hafen festgemacht. Wir haben Schutz gefunden vor dem sich nähernden Wettergschtürm. Und Strom aus dem Kabel, um die Schiffsbatterien wieder einmal richtig zu laden und die installierten Steckdosen zu nutzen. Mann gönnt sich wieder mal eine „richtige“ Dusche und ein WC mit halbautomatischer Spülung. Einkaufen und dann – endlich – für eine Woche „The Fendergirls“ an Bord nehmen! Jawohl, soweit so judihui. Aber darüber wird später mal geschrieben.

Jedenfalls sind wir heute wieder einmal in Olbia eingelaufen (das heisst halt eingelaufen, obwohl wir eigentlich reingefahren sind, aber egal). Wir sind wohlauf und xung, geniessen jeden Sonnen-Segeltag als wär’s der Letzte. Die letzte Woche haben wir gekreuzt und gequert im Golfo d’Aranci und in der Inselwelt rund um die Tavolara verbracht. Gestern zu Fuss auf das Capo Figari rauf, um von Marconis Funkstation aus einen herrlichen Rundumblick auf die umliegende Inselwelt – unsere Welt – zu geniessen. Wahrlich, ein Highlight!

Ein happiger Heimweg durch Herbstwetter der korsischen Ostküste entlang nordwärts steht uns noch bevor. Wir haben beschlossen, auch diesen Weg gemeinsam zu geniessen und Ende Oktober wohlauf wieder in Hyères festzumachen.

Und nun noch ein paar philolispohische, zum Blog-Titel passende Gedanken und Feststellungen:

Häfen schützen, stinken, helfen, helfen entspannen, sind entspannt, anstrengend, laut und hell, sind ruhig, teuer, bieten etwas, fordern viel, bieten oft was wir nicht fordern, sind Begegnungsorte und bieten die Möglichkeit, mal kurz wieder getrennte Wege zu gehen. Häfen schwanken zwischen Ankommen und Aufbruch, sie helfen aufzubrechen, treiben uns nach ein paar Tagen wieder raus, machen Lust auf Segelsetzen und Unterwegssein. Häfen sind praktisch, künstlich, bequem.

Wir haben Häfen gefunden, wo wir uns vom ersten Moment an willkommen fühlten. Ein sympathischer Austausch bei der Reservation, ein netter Empfang per Funk, ein guter Hafenplatz, nette Nachbarn. Und auch mal ein gutes Gefühl, dass man sich keine Sorgen machen muss, ob der Anker während der Nacht auch wirklich hält oder nicht. Oder es fägt, wenn man einen Ort findet und merkt: genau so muss Hafen! Wie in Carloforte. Oder in Stintino. Gern wieder.

Andernorts wird man des Nachts von der Küstenwache mit Blaulicht abgeholt und nachdrücklich gebeten, den Anker aufzuholen und – follow me, please – bei der Tankstelle längsseits anzulegen und dort zu übernachten. Nur zu unserer Sicherheit. Die französische Flagge am Schiff sorgt bei den Hafenbehörden für Bluthochdruck und bei uns zu einer weiteren Covid-Registrierungs-Bürokratieprozedur bis tief in die Nacht. Das war in Bösa Marina und solche Geschichten gäbe es noch einige zu erzählen. Tun wir aber an dieser Stelle nicht… schliesslich möchten wir aus Italien auch wieder einmal ausreisen dürfen. Tun wir bald. Aber jetzt sind wir mal sicher vertäut und gut versorgt im Hafen des Circolo Nautico in Olbia. Und das ist grad schampar stimmig so.

Bis die Tage, olmahoi … noch lange nicht genug davon!