Nöschseetörn #4

Zu dritt nach Estavayer. Und: wir könnten Regatta!

Der Morgen präsentiert sich noch bewölkt, sodass genug Zeit für ein kurzes Einkaufsjogging in die Bäckerei im Nachbarsort bleibt. Soviel Zeit muss sowieso sein, die Gipfeli zum zMorge sind schmadi und die Vorfreude auf die Hefeschnecken süss. Während sich die „Star Sailors“ auf ihren goldenen Regattageissen aufmachen zu einem weiteren Training, nageln wir statt der grossen, schweren Genua den Breezer ans Vorstag. Es sind eher leichte Winde aus Sektor Nord-Ost angesagt, das sollte also passen. Rasch noch die Relingleisten und Handläufe eingeölt, dann sind wir – gleichzeitig mit dem aufkommenden Wind – bereit für die Kreuz nach Estavayer. Bereits wärmt sich der Volvo Penta auf, die Vorleine ist auf Slip gelegt und jetzt trifft noch Besuch ein! Just in time stehen Marcs Eltern auf dem Steg. Heidi zögert nicht lange, nimmt Bärnus Angebot an und klettert an Bord. Sie begleitet uns auf diesem Schlag. So läuft Nordwind um 13:20 Uhr ausnahms- und erfreulicherweise mit Dreier-Crew aus. Kurz darauf steht der Breezer und wir segeln mit Wonne und 2-3 Knoten Fahrt gemütlich nordostwärts. Gemeinsam geniessen wir die Elemente, Sonne, Wind und Wasser.

Vor Concise ist die Verlockung zu gross. Recht voraus dümpelt eine gelbe Regatta-Boje, die den Goldjungs als Wendepunkt dient. Die sind aber grad anderweitig beschäftigt, sodass Nordwind mit einer durchaus ansehnlichen Wende ins Geschehen eingreift, heisst: die Boje rundet! Und dann gemütlich wieder Kurs auf Estavayer nimmt. Heute bekommen wir irgendwie nicht genug, schleichen uns trotz nachlassendem Wind unbeirrt unter Segeln Richtung Hafen. Gegen 17 Uhr sind die Leinen fest, Nordwind liegt längsseits am Gästeplatz D. Und Bärnu winkt von vis-à-vis, wohl erleichtert, dass wir Heidi unversehrt „zurückbringen“.

Mit einem zNacht im Hafenbeizli und einem grandiosen Sonnenuntergang verabschieden wir uns von Arns… und dem Tag. War schön, heute. Und morgen wird auch wieder gut, ganz sicher. Aber jetzt mal stabil durch die Nacht navigieren. Bis morgen, olmahoi!

Nöschseetörn #3

Von Wütherichen und Flöten.

Nach dem nächtlichen Regen ist das Deck am Morgen noch feucht. Weil sich im Tagesgang weitere Niederschläge angekündigt haben – und nach dem hyperanstregenden Segeltag gestern – entschliessen wir uns für einen Ruhetag  an Land. Wobei Ruhetag eher relativ zu werten ist. Jedenfalls schnüren wir die Schuhe und Wandern, zuerst dem See entlang in nordöstlicher Richtung, dann landeinwärts nach Champagne. Champagne, hä? Jawohl! Doch (ausnahmsweise) lockt nicht Alkohol, sondern „La Fabrique“ der Grossbäckerei Cornu, die in eben diesem Champagne ihre Wurzeln und ein spannendes, interaktives und mit der Produktion kombiniertes Museum erstellt hat. Coole Sache. Mit der Herstellung von „Flûtes“ hat alles begonnen, zwischenzeitlich hat sich die Familie Cornu ein wahres Backimperium aufgebaut und wagte im vergangenen Jahr sogar den Schritt über den Atlantik. Oder besser dessen Durchquerung und auch gleich noch durch den Pazifik und den Indischen Ozean. Als Titelsponsor des Schweizer Skippers Alan Roura auf seiner zweiten „Vendée Globe“ wurde die kleine Bäckerei-Fabrik im noch kleineren Neuenburger Kaff Champagne weltberühmt. Crazy. Und alle Segler*innen flöteln nur noch mit Cornu. Alle? Olmahoi ämu schon. Merci und voilà.

Beglückt und gestärkt wandern wir weitere zwei Stunden durch ein uns bis dato unbekanntes, wunderschön zwischen See und Jura sanft erhöhtes Weinbaugebiet, durch Rebberge zu den Menhiren in der Nähe von Corcelles. Diese stummen Gesellen standen bereits da, als die Eidgenossen im März 1476 die Truppen des „Wütherichs aus Burgund“ namens Karl der Kühne nach Hause trieben und den bekannten Burgunderschatz erbeuteten. Adrian von Bubenberg, unser aller Ädu war einer der bernischen Anführer, der mit Unterstützung der Innerschweizer, Zürcher, Thuner und Oberhasler (!) Truppen dies vollbrachte. Zwischenzeitlich ist alles wieder aufgeräumt, gefegt und poliert und die Burgunder Schätze befinden sich verteilt in Museen und Archiven.  Und eben dies verbindet Adrian mit Alan. Ämu irgendwie es Bitzeli. Capiche?

Per Poschi fahren wir von Concise nach Grandson zurück, wo wir uns über die Beute aus dem Fabrique-Laden hermachen. Am Abend kommt noch kurz Wind auf und sorgt für Aktivität der lokalen Regattacrews. Wir lassen den Tag gemütlich an Bord ausklingen und machen Pläne für Mittwoch. Und der wird auch ganz spannend werden. Bis morgen dann, stabil bleiben und olmaheidihoi!

Nöschseetörn #2

Grandson.

Bereits Adrian von Bubenberg schrieb in der Nähe von Grandson Geschichte. Für uns reicht’s bloss zu einer Geschichte… nämlich dieser: Mit strahlend blauem Himmel und einer Windprognose, die leichte Bise ankündigt, so empfängt uns der Dienstag. Gut geschlafen? Ja, super geschlafen, danke. Ist ja auch schön und ganz schön ruhig hier. Croissants von Tinet und Kaffe von Bialetti und es fühlt sich an wie richtige Ferien irgendwo.

Bereits um 10 Uhr lösen wir die Leinen, eine halbe Stunde später steht der Gennaker. Den See müssen wir bloss mit ein paar fischenden Rentnern teilen und so langsam nimmt Nordwind dank zunehmendem Nordostwind Fahrt auf. Genüsslich und erwartungsfroh cruisen wir so ans obere See-Ende, drehen vor dem prominent am Ufer trohnenden Schloss ein paar Ehrenrunden und legen schliesslich im Hafen von Grandson an. An Backbord liegt nachbarschaftlich eine HR 36  mit Heimathafen Hauterive. An Steuerbord liegen zwei 44-Fuss-Regattaboote im güldenen Kleid mit Crews, die sich vom Tagestraining erholen. Wie wir später herausfinden, handelt es sich um je eine Auswahl aus Estland und Portugal, die hier für den im 2022 geplanten „Gold Cup“ der „Star Sailors League“ trainieren. Alles in allem widerfährt uns so ein (auch optisch) durchaus gelungener Empfang.

Als Apéro-Programm gönnen wir uns nach einem kurzen Spaziergang durch das hübsche, alte Städtli gleich noch den Besuch im Château de Grandson. Während rund einer Stunde erkunden und bestaunen wir das sehr gut erhaltene Schloss aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Und wir lernen endlich Otto den Ersten kennen, wer kennt ihn nicht? Dem/der sei ein Schlossbesuch wärmstens empfohlen. Tomatenrisotto und Rotwein im nordwindigen Cockpit füllen die Mägen, eine Hafenspaziergang in der blauen Stunde prägt den Abend und grad gar nix könnte besser sein.

Und was Adrian von Bubenberg mit Alan Roura verbindet, diese Geschichte wird morgen erzählt. Dran bleiben, stabil bleiben, olmahoi.

Nöschseetörn.

In die Ferne schweifen… naja, ist halt grad noch nicht so „muss“, fanden wir. Und das Gute liegt bekanntlich nah. Ja, tatsächlich. Das Gute ist süss-nass, macht sich über fast 40km entlang des Jura-Südfusses breit, benetzt eine Fläche von mehr als 200km2 und ist rund 150m tief. Das Gute. Der gute Neuenburgersee. Und so machten sich die beiden Privilegos Marc & Oli auf, dieses Gewässer an Bord der tiptopp deckgeschliffenen und auf Hochglanz polierten Nordwind zu erkunden, zu spüren, zu erleben. Rasch war das Nötigste in den Schapps verräumt, die Kühlbox gefüllt und die noch fast neue, ungelüftete Segelgarderobe im Vorschiff verstaut. Am Montag, 31. Mai high-noon wurden die Leinen im Heimathafen Chevroux gelöst… und erst neun Tage später daselbst wieder belegt. Dazwischen gab’s Wind und Wetter, Fendergirls und Mätthu, Geschichte und Geschichten. So war das, in der guten Nähe.

Saint-Aubin.

Schwache Winde aus Nord/Nordost  sorgen für einen sehr gemächlichen Start. Und sie ermöglichen gleichzeitig einen ersten Segeltest. Mit der grossen, schweren Genua wären wir wohl heute noch unterwegs, so befreien wir den „Breezer“ aus dem Segelsack – eine Art Leichtwind-Genua oder „Code Zero“ – und hissen das Ding mal am Geni-Fall, freischwebend quasi. So schwebt unsere gute alte Hallberg Rassy 29 gemächlich, aber immerhin sövu, quer über den See nach Saint-Aubin.

Ein Gästeplatz ist rasch gefunden, Leinen fest um 17 Uhr im kleinen, feinen Hafen mit angrenzendem Park. Passt bestens. Der Hafenmeister ist bereits tschüss, ein Segelgenosse verrät uns die Lizenz zum Duschen, so ist eigentlich für alles gesorgt. Für fast alles. Denn auf dem Reko-Spaziergang entlang des Ufers finden wir im Selbstbedienungs-Kühlschrank der Pêcherie Arm zwei „truite fumée“-Filets. So ist auch das zNacht gesichert, die Forelle passt bestens zum mitgesegelten Härdöpfusalat.

Im hübschen, alten Städtchen mit steilen Treppen und engen Gassen findet man auch die üblichen verdächtigen Grossverteiler und sonstige Einkaufsmöglichkeiten. Speziell zu empfehlen ist die Boulangerie „Chez Tinet“ (in der Nähe der Kirche) inklusive hausgemachte Konfitüren – oder äbe confitures, pardon.

Und die nächste Etappe folgt morgen Dienstag, 14-tagesaktuell verschoben auf diesem Kanal. Bis dann, bleiben Sie stabil, olmahoi.

Vor Anker im Alltag – der Versuch eines Epi(B)logs.

Die Fahrt mit dem TGV von Marseille nach Mulhouse, die Rückkehr nach Bern mit Quarantänebefreiung als Willkommensgeschenk… das alles ist Geschichte. Die Geschichten aus drei wanderlustigen Monaten im Mittelmeer haben als Erinnerungen glücklicherweise im Gedächtnis Anker geworfen. Und zwar nachhaltig, bis jetzt jedenfalls. So kann bei Bedarf der Blick auf den weiten Horizont voraus gelenkt, Weite gefunden werden, wenn zu viele Häuser oder Mauern aller Art kurzsichtig machen. Erinnerungen an sonnig-salzige Tage mit Wind um den Grind werden wach, wenn kalt-grauer Nebel zu beengen droht. Meistens gelingt es, uns erfolgreich dagegen zu wehren, in viereckige Standardformen getrimmt und zurückgeschnitten werden, wie es den hiesigen Buschwerken und Gartenhecken und Bäumen derzeit widerfährt. Aber sonst geht es uns gut. Richtig gut und jammern geht grad gar nicht. Wir sind in ein schönes, herbstfarbenes Land zurückgekehrt, haben die schönsten Berge wieder neu gefunden, sind zu Hause bei und mit Menschen, die uns lieb und teuer sind. Der Rest ergibt sich, der Horizont wartet schliesslich auf uns, irgendwo da draussen.

Ja, wie war’s denn so? Intensiv und gut, heftig, anstrengend, fordernd. Lustig auch, traurig ab und zu, vergnügt, Genuss pur. Irgendwie so war’s. Seglerisch haben wir beide viel dazugelernt, persönlich ebenfalls. Jedenfalls sind wir gemeinsamer zurückgekommen und haben derzeit nicht vor, an dieser Zweisamkeit etwas zu ändern. Klar hätten wir rückblickend ein paar Sachen anders gemacht, ab und zu anders entschieden. Einige schwierige Stunden schneiden wir einfach raus, die werden sowieso durch viele unvergessliche Momente überstrahlt. Die Begegnung mit der Delphinschule auf dem Weg nach Carloforte gehört dazu, wie auch all die eindrücklichen Wetterszenen – Sonnenauf- und -untergänge, Gewitterfronten sans frontières, Mistralgebläse. Und das Kap Figari immer und immer wieder als Wundertüte zu erleben… auch das gehört dazu. Mehr davon! Ja, wir würden es wieder tun. Wann und wo wir wieder Leinen lösen und Segel setzen werden, wissen wir aber derzeit noch nicht. A suivre!

olmahoi sagt danke, grazie, merci

an all die lieben Familienmenschen, die den Topf in .ch am Kochen hielten, Post gesichtet, Rechnungen geschickt, Termine organisiert und wahrgenommen haben. Merci tuusig für die Unterstützung, ohne euch wäre das wohl kaum möglich gewesen.

an unsere Gäste Mätthu, Christine und Sile, die die Reise trotz seuchenbedingt widrig-schwierigen Bedingungen gewagt und uns an Bord besucht haben. Herzlichen Dank für die Heimsuchung, sehr gern und immer wieder.

an Maike, unsere Untermieterin, die während den drei Monaten tiptop zu unserem Gewohne geschaut und uns mit einem vollen Kühlschrank und Selbstgebäck verwöhnt hat. Gekommen um zu bleiben. Schön, dass du jetzt quasi unsere Nachbarin geworden bist!

an Sabrina und Stéphan von „Au Fil de l’Etrave“ in Hyères. Für das feu sacré, die engagierte und sympathische Unterstützung während allen Phasen und in allen Lagen unseres Projekts. Gern wieder! Wir freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen, wenn wir unser restliches Gepäck in Hyères abholen.

an (fast) alle Menschen, denen wir auf unserer Reise begegnet sind, mit denen wir ein Lächeln austauschen, ein Plauderstündchen halten durften, die ihr Wissen und ihre Pläne mit uns geteilt haben. Au revoir irgendwann, irgendwo, wenn Neptun es erlaubt.

… und natürlich auch an euch, liebste Follower*innen :)) Für euer Interesse an unserer Reise, an unserem Befinden, für all die lieben, aufmunternden, witzigen Rückmeldungen auf unser Getexte. War echt schön mit euch… wir lassen uns gern mal wieder von euch ver-folgen.
Bleiben Sie auf Empfang.

… und last but not least ein grosses grazie et merci an unsere Freundinnen, die immer mit und für uns da waren. Als abschliessender Abschluss dieser Blogreihe ist ihnen, und auch chli euch allen, das folgende Gedicht gewidmet.

Für Dora D.

Ins Wasser die Ankerkette rasselt
Der Anker im sandigen Grund sich vergräbt
Die Ankerkralle eingekrallt, der Ankerball gesetzt
Der Motor aus und die Baderampe heruntergeklappt
Ganz ungefragt kommst du – blubb! – angeschwappt.

Du, was heisst hier du?
Ein viel von du, also ihr
Umkreist, unterschwimmt das Schiff
Vom Bug bis zum Heck
Wie andere Fische irgendwo sonst ein Riff

Man meint, ihr kommt und schautet in eurer Bucht
Zum Rechten.
Was nicht hingehörte, ihr jagtet in die Flucht
Denn die Pirania-Ähnlichkeit ist gegeben.
Dabei seid ihr harmlos, also: Einschätzung völlig daneben?

Was dann? Das reine Schwimm-Vergnügen
Ein bisschen Wasser vor sich herpflügen
Das tut ihr ja so, wie wir zu Fuss auf Land
Kanns das bloss sein? Fehlts mir an Verstand?

Doch Achtung! Hier! Da! Es springt und schwaddert
Es schnellt und pfeilt jetzt nach Krumen und Brosamen!
Die habt ihr also im Auge, die wollt ihr fressen! –
Und kleingehäckselte Käse- oder Fleischesresten
Danach ihr auf der Lauer seid und schnappt
Sobald das Zeug vom Teller ist geschabt.

Und beim Wasserlaufen um des Schiffes Rumpf
Dünkt’s mich: ihr begleitet einem im Schwarm
Schützend vor Quallen, Haien und den Rochen
Die mich bestimmt verspeisten, ohne mich zu kochen!

Was an diesen Zeilen Wahrheit und was erdichtet
Das kann ich nicht sagen, weil der Leser selbst drüber richtet.

Das schwimmende Aquarium am Ankerplatz
Diese mit schwarzem, feinem Streifen
Ansonsten silbrigglänzenden wassernassen
Waren’s nun Doraden oder krasse Brassen?

Weil wir das noch nicht wissen,
Sei euch hier und jetzt versprochen:
Wir fahren bald wieder und finden’s raus
Mit gesetzten Segeln, von Bucht zu Bucht
Und bloggen wieder, für euch, zu Haus‘.

Adiö merci tschouzäme!

Über Grenzorte.

Der lange Schlag von 22 Stunden zurück an die französische Riviera ist geschafft! Macinaggio – wir erinnern uns aus dem letzten Blog – von diesem Grenzort sind wir an die französische Küste in den nächsten Grenzort gelangt: städtisches Menton. Die Corniches winden sich hoch oben durch die felsigen Hänge, wo Lastwagen schnaufen, Autos rauschen und Motorräder heulen, Helikoptoren hubschraubern über den Hafen Garavan Materialien von irgendwo zu Baustellen an der Uferstrasse. Damit bestehende Appartmenthäuser neue Nachbarschaft erhalten, meersichtlustige Menschen sich ein Zuhause mit Aussicht gönnen können. Macinaggio, der kleine, hübsche Ort umgeben von viel Natur dort, hier Menton mit viel Vonmenschgemachtem, der auch gefällt. 700 Meter vom Hafen ist bereits die französisch-italienische Grenze.

Und dazwischen?

Ebenfalls Grenzorte, besser: ein bisschen Grenzerfahrungen. Leinen los in Macinaggio um 10 Uhr. Kurz nach der Hafenausfahrt Segel hissen: mehr Wind als angekündigt, aber passend gerefft ganz gäbig. Ums Cap Corse, vorbei an Giraglia. der Leuchtturminsel, die einer bekannten Regatta den Namen gibt. Dann flaut der Wind ab, die Wellen blieben vergleichsweise (zu) hoch. Zweimal halsen wir, um das Windloch zu umfahren, den Segeln den nötigen Vortrieb zurückzugeben. Erfolglos. Die Welle verhaut das Segelprofil Darum kommt das kleine volvopentagrüne Kraftpaket zum Einsatz. Segelpause. Die Prognosen lassen aber uns wissen: Es kommt weiter nördlich wieder Wind auf, ab 20 Uhr abends süüferli mehr, bis zu einer sportlichen Stärke. Diese Windstärke trifft tatsächlich ein, doch mit ihr wieder zünftige Wellen. Und immer wieder durchfahren wir Schwemmholz-Ansammlungen. Zwar trieben die Wellen und Schwemmhölzer in unserer Richtung und nicht gegenan, doch dem Kunststoffrumpf wollten wir zu viel Wumms nicht zutrauen. Das kann gefährlich werden! Alle gesund und alles ganz ist noch immer unsere Devise. Also hält einer mit Taschenlampe Ausschau nach Holz, während der andere steuert, Wellen abreitet, den Wind richtig ausnützt. Des nachts. Das fordert! Irgendwann befinden wir, dass es sinnlos ist, wenn sich beide gleichzeitig draussen abmühen. Daher bleibt einer oben und der andere installiert sich unter Deck, navigieren müssen wir auch, das Ufer und ein Kap mit Untiefen und Felsen naht. Oben auf dem Deck Rodeo, unten am Navigationstisch Achterbahn. Das fordert auch!

Ein Engel klebt über der Kajütentür.
Für alle Fälle.

Beide hatten wir derweil unsere durchaus ambivalenten Grenzgedanken: Warum mache ich das? Wie schön, dass ich diese Naturgewalt erleben darf. Hätte ich diese Wellen nicht voraussehen können? Werden sie noch grösser? Hey, das nächste Mal erwischst du mich nicht mehr von der Seite. Brauche ich das? Nicht wirklich, aber wenn ich schon mal hier bin, gönne ich mir das. Was ist, wenn diese Verhältnisse bis vor den Hafen anhalten, erwischen wir die Einfahrt? Wird schon ruhiger werden, einfach mal weiter. Habe ich wirklich den richtigen Überfahrtstag gewählt, was habe übersehen? Sind bloss 5 Beaufort-Böen, die schaffen uns nicht. Adrenalingefühlsrollercoaster pur. Und für das Glück hat unser Engel für alle Fälle gesorgt. Danke auch dafür.

Drei Stunden vor Menton liessen Wind und Welle etwas nach. Die Hafeneinfahrt: lange Zeit blieb die eindeutige Sicht auf die Einfahrt verborgen. Denn: Hafeneinfahrtsbefeuerungen sind selbst mit bestimmten Kennungen vor beleuchtetem Hintergrund (Strassen, Häuser, Ampeln) sehr schwierig auszumachen. Grenzwertig für den Seemann.

Um 8:30 Uhr, nach 22 Stunden, steht im Logbuch: Leinen fest Port Garavan, Menton. Französisches Festland erreicht, wir sind wieder kontinental.

Um 19:30 selbentags könnte im Logbuch stehen: Besprechung der Nacht(Über-)fahrt und Erkenntnisse daraus. Aber das ist zu persönlich, ja, das wäre grenzwertig, sie einfach hier preiszugeben. Das müsst ihr persönlich von uns erfahren. Aber erst, wenn die Quarantänegrenzen für uns wieder abgebaut sind. Mindestens einen Blog sollt ihr bis dahin noch lesen dürfen. Versprochen.

Denn noch ist olmahoi unterwegs…

Letzter Halt vor Quarantaine.

Bonjour. Heute nur ganz kurz und ziemlich sachlich, denn wir sind es Bitzeli aufgeregt vor der letzten „grossen“ Passage. Doch der Reihe nach. Wanderlust und Crew haben wohlauf in Macinaggio angelegt. Letzter Halt auf Korsika, im nördlichsten Hafen an der Ostküste. Nur ein paar Meilen weiter wartet das Cap Corse und die berühmte Leuchtfeuer-Insel Giraglia auf uns.

Vor knapp einer Woche sind wir in Olbia losgefahren, wie Diebe haben wir uns morgens um vier aus dem Hafen gestohlen und bei steifem Südwest das Capo Figari gerundet. Rodeo, aber die Segel schön gerefft! Kurz vor der Strasse von Bonifacio mussten wir leider auf die fossile Antriebsart wechseln. Schade zwar, aber immer noch besser, als diese Passage mit 25-30 Knoten böigem Wind bewältigen zu müssen – genau so strich der Maestrale von West nach Ost die Tage vor- und nachher durch die Düse. Begleitet von leichten Regenschauern fanden wir in Porto Vecchio einen netten Empfang und ein sicheres erstes Quartier an Korsikas Ostküste. Arrivederci Sardegna, bonjour la Corse.

Nach einem Ruhe-Landtag meisterten wir  – mit einem Zwischenstopp in Solenzara (der Ort mit der höchsten Pizzeria-Dichte in Westeuropa) – die nächsten Meilen nach Bastia. Ein grosser Gump, immer auf der Hut vor den sich rundum auftürmenden und ausleerenden Gewittern. Grossartige, beeindruckende Wetterszenerien, wir mittendrin und sehr sehr klein. Dazwischen wieder Sonne und Wärme pur, kurze Hosen Mitte Oktober, auch nicht schlecht. Und gestern eben der voraussichtlich letzte Schlag auf Korsika in den Hafen von Maginaccio. Ein Sehnsuchtsort irgendwie, mit dem ganz bestimmten Charme eines Grenzpostens. Magie Peripherie. Ein kleines Kaff mit alten, schrägen Häusern, umrahmt von sanften, grün bewachsenen Hügeln im Westen und herrlichen Aussichten auf Capraia und Elba im Osten. Wir fühlen uns sehr wohl hier, finden eine gastliche Ruhe und genug von allem, was wir grad benötigen. 

Doch der Horizont ist nahe. Ennet dem Cap Corse wartet die französische Küste und irgendwo dahinter wohl die Quarantäne. Dazwischen warten noch einige Meilen Mittelmeer auf uns. Mit einer gesunden Mischung Vorfreude und Respekt bereiten wir uns darauf vor. Und beim nächsten passenden Wetterfenster werden wir die Leinen wieder lösen.

Bis die Tage, zwischen Sehnsucht und Quarantäne.

olmahoi, auf dem Weg nach Giraglia.

Olbia zum Ersten, Zweiten, Dritten und… zum Vierten!

Olbia, regionales Zentrum an der Nordostküste Sardiniens: hier sind wir nun das vierte Mal seit Mitte September. Das erste Mal kam der erholungsbedürftige Gastblogger Mätthu ab Olbia Marina, etwas ausserhalb des Zentrums, an Bord. Dieser wollte nach der Segelwoche im Maddalena-Archipel auch wieder mal nach Hause. Darum kehrten wir zum Circolo Nautico an der altehrwürdigen Molo Brin zurück, nun zmittsdrinn grad am Kopf (oder Fuss?) des Corso Umberto gelegen. Das ist diejenige Einkaufsmeile, welche wir wie Spital- und Marktgasse zu Hause kennen. Das dritte und vierte Mal Olbia, abermals im Circolo Nautico, wo uns Tiziano und Hafenmeister Francesco – oder heisst er Frederico? – bereits einen Stammplatz zugewiesen haben, kamen und gingen die Fendergörls, welche ebenfalls eine Segelwoche mit uns genossen haben. Wir auch mit ihnen.

Äbe, Olbia, unser Olbia, das ist der Corso Umberto: Hier am Kopf (oder eben Fuss) die nervige Fussgängerampel, die immer schön 90 Sekunden runterzählt, bevor es für Nichtberäderte grün wird, da der Optiker des Vertrauens (Gianni Posanu selig) fürs neue Gebrill, dort die Apéro-Bar an der Piazza Margherita an der Ecke rechts, deren Namen wir immer noch nicht kennen, die Angestellten uns jedoch schon derart, dass das Grüssen-Hinsetzen bereits einen mutuellen Vertragsschluss zu einem Spezieskauf darstellt: Ichnusa non filtrata grande per favore!

Unweit vom Corso Umberto und der Piazza Margherita, in der Via Acquedotto, dann The Jeffersons, die Selbstwaschanstalt mit sagenhaftem Gratis-Internetanschluss und ebensolchem kostenpflichtigem Frischwäscheduft (Oli ist Fän davon), zu 4 Euro pro 10 Kilo-Trumele 40 oder 60 Grad à 34 und 38 Minuten und 1 Euro pro 10 Minuten Tömmbler, egal ob warme, mittlere oder heisseste Trocknungs-Stufe. 30 Minuten reichen völlig.

Ebenfalls in einer Nebengasse, der Via Regina Elena, ist Guafför Deiana, wo Vater und Sohn fürs Haarelassen und Bartwegmachen sorgen, sodass Guafför Marc und Oli auch mal Ferien machen können.

Das Ristorante Da Paolo, unweit davon, hat beim ersten Mal nicht recht überzeugt. Wenn der Fisch vom Tag einfach ein Querbeet aus dem Fisch- und Meeresfrüchtebestand (usem Gfrüüri?) ab Grill ist, gut durchgetrocknet fast wie bei Jeffersons die Wäsche, finden das Oli und Christine nicht so gluschtig. Marcs Pferd hatte einen Feuerlauf hinter sich. Einzig Siles „Thoon“ sah nicht nur toll aus, sondern schmeckte ihr auch sehr. Das Ristorante La Lanterna hingegen, auch gleich umen Egge, war auch das zweite Mal vorzüglich, mou. Hauswein aus der Flasche mit eigener Etikette, leckere Muscheln und Fettucine, tolle Pizzen/Pizzas/Pizze, Sorbetto al Limone eifach obenuse, guter Service.

Ja, und mittlerweile ist sogar die Bäckerei fürs Cornetto gefunden, die auch gut zu Olis Füssen erreichbar ist. Das kann der Skipper.

Doch damit nicht genug. Olbia ist auch unser Schlechtwetter- und Windschutz, bereits zwei Mal Mistral und ein Mal argen Südwind haben wir hier vorbeziehen lassen, fachmännisch festgezurrt. Und das tun wir auch jetzt, eben das vierte Mal: es bläst wieder zünftig aus Westen und gleichzeitig ruft langsam, langsam Wanderlusts Heimathafen an Frankreichs Südküste. Aber noch dürfen wir die Dufour 350 für lange und drei Wochen bewohnen und besegeln. Dies im etwas unsteteren, wohl frischeren, aber nicht unschöneren Oktoberwetter. Und wenn auf Deck ein steifer-beissiger Wind wehen sollte, können wir uns nun im nötigenfalls (endlich) heizbaren Unterdeck aufwärmen. Das kann der Skipper eben auch. Die Crew dankt herzlich und wärmstens!

olmahoi, bald nordwärts – und dieses Mal richtig.

Hafenlebenlieben.

Die besten Häfen sind Buchten. Einige Buchten heissen – wenigstens auf Sardinien – auch „Porto“, was zweierlei zeigt. Erstens: Buchten dienten früher als Häfen, sie waren quasi solche und zweitens: Die besten Häfen findet man, wie bereits erwähnt, in Buchten. Vor Anker.

Nun geht es aber eben um die eigentlichen Häfen. Denn wir haben heute – nicht zum ersten und wohl auch nicht zum letzten Mal – in einem Hafen festgemacht. Wir haben Schutz gefunden vor dem sich nähernden Wettergschtürm. Und Strom aus dem Kabel, um die Schiffsbatterien wieder einmal richtig zu laden und die installierten Steckdosen zu nutzen. Mann gönnt sich wieder mal eine „richtige“ Dusche und ein WC mit halbautomatischer Spülung. Einkaufen und dann – endlich – für eine Woche „The Fendergirls“ an Bord nehmen! Jawohl, soweit so judihui. Aber darüber wird später mal geschrieben.

Jedenfalls sind wir heute wieder einmal in Olbia eingelaufen (das heisst halt eingelaufen, obwohl wir eigentlich reingefahren sind, aber egal). Wir sind wohlauf und xung, geniessen jeden Sonnen-Segeltag als wär’s der Letzte. Die letzte Woche haben wir gekreuzt und gequert im Golfo d’Aranci und in der Inselwelt rund um die Tavolara verbracht. Gestern zu Fuss auf das Capo Figari rauf, um von Marconis Funkstation aus einen herrlichen Rundumblick auf die umliegende Inselwelt – unsere Welt – zu geniessen. Wahrlich, ein Highlight!

Ein happiger Heimweg durch Herbstwetter der korsischen Ostküste entlang nordwärts steht uns noch bevor. Wir haben beschlossen, auch diesen Weg gemeinsam zu geniessen und Ende Oktober wohlauf wieder in Hyères festzumachen.

Und nun noch ein paar philolispohische, zum Blog-Titel passende Gedanken und Feststellungen:

Häfen schützen, stinken, helfen, helfen entspannen, sind entspannt, anstrengend, laut und hell, sind ruhig, teuer, bieten etwas, fordern viel, bieten oft was wir nicht fordern, sind Begegnungsorte und bieten die Möglichkeit, mal kurz wieder getrennte Wege zu gehen. Häfen schwanken zwischen Ankommen und Aufbruch, sie helfen aufzubrechen, treiben uns nach ein paar Tagen wieder raus, machen Lust auf Segelsetzen und Unterwegssein. Häfen sind praktisch, künstlich, bequem.

Wir haben Häfen gefunden, wo wir uns vom ersten Moment an willkommen fühlten. Ein sympathischer Austausch bei der Reservation, ein netter Empfang per Funk, ein guter Hafenplatz, nette Nachbarn. Und auch mal ein gutes Gefühl, dass man sich keine Sorgen machen muss, ob der Anker während der Nacht auch wirklich hält oder nicht. Oder es fägt, wenn man einen Ort findet und merkt: genau so muss Hafen! Wie in Carloforte. Oder in Stintino. Gern wieder.

Andernorts wird man des Nachts von der Küstenwache mit Blaulicht abgeholt und nachdrücklich gebeten, den Anker aufzuholen und – follow me, please – bei der Tankstelle längsseits anzulegen und dort zu übernachten. Nur zu unserer Sicherheit. Die französische Flagge am Schiff sorgt bei den Hafenbehörden für Bluthochdruck und bei uns zu einer weiteren Covid-Registrierungs-Bürokratieprozedur bis tief in die Nacht. Das war in Bösa Marina und solche Geschichten gäbe es noch einige zu erzählen. Tun wir aber an dieser Stelle nicht… schliesslich möchten wir aus Italien auch wieder einmal ausreisen dürfen. Tun wir bald. Aber jetzt sind wir mal sicher vertäut und gut versorgt im Hafen des Circolo Nautico in Olbia. Und das ist grad schampar stimmig so.

Bis die Tage, olmahoi … noch lange nicht genug davon!