Einen Segeltörn … oder zumindest eine Abenteuerreise durfte ich erwarten.

Der Autor des Blogs steuert Wanderlust sicher durch die Galeeren-Passage.

Die Fakten – sie konnten nicht einfach verdrängt werden.
Meine Reise oder eben mein Abenteuer begann schon im August, als Easy-Jet meinen Flug nach Neapel kündigte, mangels Auslastung. Ich soll mir ein neues Reiseziel aussuchen. Der Zufall wollte es, dass sich am gleichen Tag Marc und Oli meldeten: Neapel als Treffpunkt für unsere gemeinsame Segelwoche lag von ihrer Planung her nicht mehr drin, ich solle doch einen Flug für Olbia auf Sardinien buchen. Ich sagte mir, also wenn der Zufall so weiterspielt, dann kommt alles gut; denn wegen Corona war halt doch noch vieles unsicher.
Die Vorfreude stieg, die Unsicherheit aber auch; stiegen die Fallzahlen immer weiter an. Dann am Montag vor Abflug (Donnerstag, 17.9.2020) der Entscheid der sardischen Regierung, nur noch Touristen mit negativem Corona-Test einreisen zu lassen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich um einen Test zu bemühen, doch leider alles zu spät: Die Slots (online buchbar) in Biel waren für die nächsten Tagen alle ausgebucht, ein Test in einer anderen Stadt war mir organisatorisch nicht möglich. What now?

Der Entscheid – eigentlich die erste Zusammenarbeit als Crew
Ein Telefon mit Oli und Marc war nötig: Wollten sie mich überhaupt noch an Bord? Schliesslich komme ich aus einer Schweiz mit steigenden Fallzahlen, der dann in einem Flugzeug mit Maske und anderen Masken eng aneinander nach Sardinien fliegt … Wir besprachen uns dann noch mehrmals und kamen zum Schluss: Ich trete die Reise an und mache Schritt für Schritt, mit der Option, in Olbia einen Test zu machen und zwei Tage im Hotel unter Quarantäne auf das Resultat zu warten; dies war gemäss sardischem Dekret möglich. So stellte ich mich auf Segelferien oder eine Abenteuerreise ein. Oli und Marc besorgten Adressen, ich besorgte das Packen; die Zusammenarbeit als Crew begann zu spielen.

Die Reise – mit ungewissem Ziel aber gewissenhaftem Vorgehen.
Ich stieg am Donnerstagmorgen, dem 17.9.2020 in Biel in den Zug, reiste nach Basel, ckeckte ein, ass in einem komisch leeren Flughafen ein Sandwich und machte mich für das Boarding bereit. Noch ein letzter Blick auf das Handy und… ich staunte nicht schlecht: Die sardische Regierung hat das Dekret aufgehoben; es brauchte lediglich noch das spezielle Formular, welches ich bereits ausgefüllt hatte (und viele andere Reisende nicht, ich staunte, wie wenig informiert viele der Mitfliegenden waren …).
Drei Stunden später empfingen mich Marc und Oli in Olbia und wunderschöne Segelferien begannen. Ein Leben von Tag zu Tag, geprägt vom Rhythmus der Natur, alles an Bord, nichts fehlt. Einfach herrlich. Natürlich sind wir uns der aktuellen heiklen Lage bewusst; allerdings können wir auf der Yacht das Social Distancing (was aus meiner Sicht eigentlich eine falsche Definition ist, denn es geht um körperliche Distanz, aber das will ja hier wohl kaum jemand diskutieren :-)) am besten leben, da wir meistens stark isoliert sind. Auch erwartet mich ein Rückflug, den ich dann wieder mit der nötigen Vorsicht und Vorbereitung antreten will; dieses Mal aber mit den vielen schönen Eindrücken eines Segeltörns in Erinnerung.

Danke an Oli und Marc, es war und ist immer noch eine wunderbare Zeit mit euch in den Gewässern auf Sardinien!

Mätthu (Matthias Klotz)

olmahoi dankt herzlich für alles!

Flautenspiele

Nun sind wir also bereits seit zwei Tagen in Arbatax, wo wir vor einem nahen Gewitter Schutz gefunden haben. Und einen durchaus netten, kleinen, unaufgeregten Hafenort, der uns alles bietet, was wir brauchen. Nämlich nicht sehr viel. Soweit, so gut. Nur, wenn faktisch Windstille herrscht, oder ämu bloss ein leises Geflüster zu vernehmen ist, ist viel Geduld (oder Diesel) gefragt. Und Ideen, wie die, glücklicherweise vorhandene, Zeit sinn- und lustvoll für terrestrische oder technische Projekte investiert werden kann soll muss. Davon handelt dieser Blog. Ein bisschen. Doch vorerst doch noch ein kurzer Reisebericht.

Dieser startet in Carloforte, wo wir am letzten August-Tag kurz nach dem Durchzug einer Kaltfront die Leinen gelöst haben. Der Abschied fiel einigermassen schwer, der Aufbruch in die wunderbar klaren vier Beaufort Wind aus Nordwest, die uns im Canale di San Pietro erwarteten, trösteten rasch. Nach einer fallböenbedingt unruhigen Nacht vor Anker an der Südostspitze der Insel Sant’Antiocco querten wir den Golfo di Palmas, rundeten das Kap Teulada und warfen schliesslich Anker auf der Ostseite des Capo Malfatone. Von hier aus wanderten wir zur Abwechslung mal an ein Kap. Das Capo Spartivento teilt dem Namen nach die Winde, aus dem Leuchttum wurde ein Hotel, in der nahen Bucht gibt’s Lemonsoda. Auf dem Weg zurück zum Dinghy genossen wir noch einmal herrliche Aussichten aus einer wildromantischen Natur.

Kap über Kap, Torre nach Torre fuhren wir weiter nach Cagliari. Nach einer wunderschönen, abwechslungsreichen Küste, wurde es plötzlich industriell, gross, laut. Die Einfahrt in den Golf löste unter der Wanderlust-Besatzung nicht das maximal mögliche Glücksgefühlsspektrum aus, wie es bei Erreichen einen eigentlichen Meilensteins dürfte. Sind wir zwischenzeitlich zu Ankerbucht-Piraten geworden? Ja gern! Zwei Tage später hatten wir uns einigermassen mit der quirligen, Multikulti-Inselhauptstadt versöhnt und lösten die Leinen in der einigermassen schrulligen Marine del Sole. Auf dem Weg zum Capo Carbonara ging’s nach einem Badehalt in einer Bucht grad chli sehr flott voran. Nach einem blossen Windgeflüster am Vormittag wurden wir quasi aus heiterer See von fünf Beaufort Wind auf den Bug heimgesucht. Der weitere Weg in die Bucht vor Villasimius musste hart am Wind erkreuzt werden. Zum Glück bot die Bucht den erhofften Schutz und eine ruhige Nacht.

Die Südostecke der Insel – eben das Kap, das den Spaghettis den Namen gab – mussten wir leider auch unter Motor passieren. Und Motorboote nerven irgendwie. Doch davon später mal. So kam es jedenfalls, dass unser Kompass seit Anfang September bloss noch eine Hauptrichtung kennt: nordwärts. Und so kam es eben auch, dass wir via Porto Corallo vor ein paar Tagen Arbatax gefunden haben. Oder es uns.

Hier herrscht grad Herr Flaute und Frölein Gewitter, und wir suchen die Gegend in einem gemieteten Fiat Panda heim, finden im gut sortierten Loeb XXS in Ulassai endlich das lange gesuchte Schneidbrettli (!) und ein paar schrillfarbene Sitzkissen für unsere nahenden Gäste, bevor wir in der nahen Grotte Stalaktiten und Stalagmiten – ja, genau, die einen so, die anderen anders – bestaunen und uns wieder mal so richtig klein und unbedeutend vorkommen. Das geht auch und das geht gut.

Ansonsten sind wir wohlauf und wissen die Zeit auch sonst zu nutzen. Skipper’s Choice ist es, in praktisch jeder bebadbaren Bucht tauchend die Propellerachse von Fischergarn zu befreien. Das Zeug schwimmt offenbar überall und irgendwo rum, findet zuverlässig den Weg zu unserem Antrieb und hat bis jetzt zum Glück noch keinen Schaden angerichtet. Weiter musste kürzlich den sich an der Logge niedergelassenen Röhrenwürmern (weiss, hart, vermutlich Vegi-Würmer) mit Seifenwasser der Garaus gemacht werden. Logge raus, Loch im Schiff, Zapfen rein und das Ganze retour. Seither sind wir auch wieder mit Fahrt durchs Wasser unterwegs. Auch das geht und muss.

Marc vertreibt sich die Zeit in der Regel nachhaltig und durchaus konstruktiv. So verbringt er Stunden, Reiseführer zu studieren und Landausflüge zu organisieren. Und er verbringt verdankenswerterweise Stunden in der Kombüse und zaubert prgamatisch-lukullische Genüsse auf den Tisch. Die Melanzane alla Parmigiana jedenfalls war grossartig. Die selbst kreierten und gebackenen Brote sind es ebenfalls.

Hier ein kurzer philosohischer Erfahrungsbericht zum Projekt Sarazenen-Brot: „Man nehme dafür: Bio-Farina di Saracena. Sarazenenmehl? Die Googelei hat ergeben: Sarazenenmehl ist per se kein Mehl, nein, sondern gemahlener Buchweizen, der eben kein Weizen ist. 150 Gramm dessen mit 350 Gramm anderem Mehl vermischt ergibt eine recht dunkle, kompakte, schwere Masse. Gleichwohl, der Teig ist aufgegangen, back- und sogar geniessbar. Bauchweh gab’s davon zumindest nicht. Anderweitige Verdauungsstörungen sind ebenfalls ausgeblieben.

Gleichzeitig macht die Backerei auch viel Vergnügen. Wir haben Zeit, können ausprobieren. Aber eben: ist man in einer Bucht und denkt nicht ans Backen, gibt’s dann halt kein Brot zum Frühstück. Bäckst oder kaufst du nichts, isst du nichts. Isst du nichts, segelst du schlecht. Segelst du schlecht, wirst du grantig und schreibst schlechte Blogs, weil du nicht übers Segeln, sondern andere, alltägliche Dinge schreibst, die banal, alltäglich sind. Darum gehen wir morgen zeitig los und besorgen uns anständige, brotartige Grundlagen für ein gutes Frühstück. Sonst wird’s ein grantiger Segeltag, der obendrein keine Ideen für einen guten Blog liefert.“

Sobald wieder Wind bläst, sind wir hier weg. Vielleicht auch schon früher. Denn in wenigen Tagen gibt’s Besuch und der rote Teppich ist noch in der Reinigung! Bis bald, bleibt gesund … olmahoi nordwegs.

Nach anderthalb Wochen mehr im Kielwasser…

…sind wir nun insgesamt einen Monat unterwegs. Einer von drei Monaten ist vorbei. Verrückt. So richtig ankommen tun wir erst jetzt. Und dennoch haben wir schon so viel erlebt – auch das ist verrückt.

Ein kurzer Rückblick auf unsere Route seit Stintino: nördlich davon liegt das Naturschutzgebiet Asinara – schöne, karge Landschaft mit Eseln, nicht nur weissen, denn Esel gibt es in jeder Färbung, muss man wissen! – und mit schönen, türkisblauen Buchten.

Nach einer böigen Nacht in Asinara reisten wir frühmorgens südwestlich durch die Fornelli-Passage (landschaftlich nicht minder hübsch!) auf die Westseite Sardiniens in die Bucht von Porto Ferro, wo wir wiederum unter Anker in einem kleinen Paradies weilen durften. Nach dem Ankerwurf: baden, dösen, lesen, kochen, apéröölen, baden, duschen, schlafen, backen, planen, lachen, nachdenken, ach ja: und schwitzen. Schwitzen tun wir nur vom Dasein. Darum: abermals baden. Grossartig.

Weil Mistral angemeldet war, reisten wir weiter südwärts nach Fertilia bei Alghero. Wie schon ein paar Mal erlebt, war der wahre Wind besser als die Prognose. Das freut uns: langsam ist das Verhältnis segeln-motoren zugunsten der Dieseleinsparung. Schliesslich sind wir kein Motorboot, sondern Segelschiff.

Nach dem Badebucht-Eindruck darf nun auch ein Hafenplatz-Einblick-Exkurs nicht fehlen: anlegen, festmachen, nachjustieren, aufräumen, Strom und Wasser anschliessen, kontrollieren, im Hafenbüro anmelden, Wifi einrichten, Schiff entsalzen (aussen abspritzen), apéröölen, duschen, schwitzen, hinsetzen, Hafenkino geniessen (Einfahrt und Anlegen anderer Schiffe beobachten, manchmal kommentieren) oder helfen beim Anlegen, duschen, schwitzen, vielleicht nochmal apéröölen, Ortschaft erkunden, Bäckerei und Supermarkt suchen, bisher auch finden, Wäscherei ebenso, Kassensturz in der Bordkasse und im Proviant, Einkaufsliste erstellen, Bordkasse und Proviant nachfüllen, rasieren, duschen, Wetter studieren, Route planen, Landgang organisieren, Festmacher kontrollieren, unter Deck mal aufräumen. So geht das.

Alghero übrigens ist ein hübscher Ort, den es zu besuchen wirklich lohnt. Man sagt, es sei der spanischste Ort auf Sardinien, wo eben noch katalanisch gesprochen wird.

Hernach ging es nach Bosa – ein farbiges Örtchen, an einem Fluss gelegen, dass sich am Hang zum Castello hingeklebt hat. Der Übernachtungsort war nicht der gewünschte, aber das ist eine formellere Geschichte…

Nach Bosa zogen wir an einem weiteren Gutwindtag weiter südwärts, unter anderem nach Sinis, wo wir uns auch Zeit genommen haben, um die Ausgrabungen der nuragisch-phönizisch-römischen Stadt Tharros zu besuchen. Schwitzend, versteht sich.

Nun haben wir seit letztem Freitag in Carloforte auf der Isola San Pietro angelegt. Eine Kaltfront war vorausgesagt – und sie ist da und schifft über dem Schiff, während wir diese Zeilen tippen.

Nicht fehlen dürfen auch mal ein paar Highlights so zum Beispiel, als uns eine Delfinschule während ca. 10 Minuten auf dem Weg nach Carloforte begleitet hat. Gleich acht dieser schönen Tiere spielten am Bug des Schiffes, wir auf ebendiesem, ihnen zuschauend – wir meinen: die haben uns gesehen, die haben sich vergnügt. Wahnsinnig schön. Und als sie genug hatten, sind sie zack!, in die blaue Tiefe entschwunden.

Freude macht uns auch ein kleiner Landausflug per Fahrrad oder per ÖV (mit Mascherina-Obligatorium selbstverständlich) um das Meer auch wieder mal aus der Distanz zu sehen, ob das nun vom Capo Caccia ist oder von La Punta aus.

Und noch ein wenig Pösie:
Zwei Männer segelten per Schiff
unwissentlich gegen ein Riff
der eine kartenkundig es doch noch sah
schafften sie grad noch eine flinke Wende – hurra!

Hart am Wind nach Sardinien

Si si Pfadfinder, Pfadfinder meine’s ärnscht… das passt, Endo, danke für diese Ouvertüre zum zweiten Blog. Ja, irgendwie sind wir auch Pfadfinder – schliesslich sind wir mit Wanderlust unterwegs – und ja, wir meinen es nun auch wieder ernst. Immerhin sitzen wir jetzt im Cockpit und geniessen einen weiteren sanften, erlösend-kühlenden Abend. Korsika liegt im Kielwasser, gestern haben wir in Stintino, südlich der Insel Asinara an der Nordküste Sardiniens festgemacht. Und dies nach herrlichen fast rund zehn Stunden unter Segeln, bei drei Beaufort hart am Wind und Kurs 230 Grad. Voilà. Einen entschleunigten kleinen Hafen haben wir da entdeckt mit netten Mitmenschen drum herum und wahrlich mediterranen Aussichten auf das schmucke Fischerdorf. Uns Pfadfindern geht’s gut.

Vor acht Tagen verlassen wir Calvi – und all die Bonzenjachten und das Partygedröhn – vollgetankt und ziemlich motiviert. La Revellata runden wir backbord, nehmen Kurs nach Süden und meistern auf dem Weg in den Golf von Porto die Gargalu-Passage. Zugegeben mit etwas Nervenkitzel. Ziemlich eng dort; und mit ungefähr drei Metern Tiefe bleibt nicht mehr sehr sehr viel Wasser unter dem Kiel. In der Marina de Bussagghia finden wir eine schöne erste Ankerbucht mit Strandanstoss. Von hier aus unternehmen wir dann auch unsere erste Wanderung zum Capu Ortu, mangels eigener Land-Mobilität kombiniert mit Autostopp. Und zwar erfolgreich und zwar retour!

So schafften wir es Bucht über Hafen schliesslich hierher. Zwischenzeitlich haben wir uns viel besser gefunden, und den Gump ins Unterwegssein einige Gespräche übers wie und wohin und ja – auch übers warum – geschafft. Marc hat die Backstube in Betrieb genommen, Oli kümmert sich primär ums Wie und Wohin und Wohinbessernicht. Auch Wanderlust macht inzwischen mehr Lust, man gewöhnt sich aneinander. Unter Segeln, unter Motor und mit Macken. So leuchtet das Ankerlicht nur, wenn zuerst der Schalter betätigt und dann am Mast, Steuerbord auf rund 1.6 m Höhe ein sanfter aber bestimmter Hieb angebracht wird. Und nachdem auch gegen das Fallen-Knallen im Mast ein Rezept gefunden wurde, schläft es sich etwas ruhiger.

Den nächsten Halt planen wir vor der Insel Asinara, anschliessend möchten wir die Westküste Sardiniens entdecken. Dafür wollen wir uns Zeit nehmen. Und zwar soviel Zeit, wie uns Wind und Wetter gewähren und wir uns selber schuldig sind. Irgendwie so. olmahoi auf Kurs und auf dem Weg nach Cagliari.

Ablegen mit Schwell

Da ist er nun also, der erste „richtige“ olmahoi-Blog. Internet ist überall und diesem sei Dank ist das Gekritzel jetzt auch online. Nun, wir sind in Calvi, an der Westküste Korsikas. Am Samstagmorgen kurz nach neun Uhr haben wir an einer Boje vor dem Hafen festgemacht. Gut so, Calvi hat uns wieder. Die Überfahrt ab Fréjus hierhin gestaltete sich ziemlich unspektakulär. Aber nicht ruhig. Denn der Volvo Penta musste rund siebzehn von zwanzig Stunden für den Vortrieb sorgen. Die paar Stunden unter Segel waren eher für die Psychohygiene. Und weil es so gäbig vorwärts ging – so ganz ohne quere Strömung und hart am Wind und so – sah der Mann im leuchtenden Halbmond die Wachhabenden am Steuer die Hüften schwingen und leise zur Musik in den Ohren mitsingen. Tomatenrisotto im Magen und ganz viele wilde Gedanken im Kopf. Ab vier Uhr wiesen uns die Blitze vom Leuchtfeuer La Revellata den Weg. Ja eben, und jetzt wettern wir die noch immer herrschende Hitze in den Unterhosen im Cockpit sitzend ab und geniessen das grosse Privileg, von unserem schwimmenden Wohnwagen namens Wanderlust aus die nächtliche Skyline von Calvi bestaunen zu dürfen. Irgendwie gut, dass es im Hafen keinen Platz mehr hatte. So geht das.

So ging es nicht immer. Nachdem wir uns vor einer Woche in Hyères von Olis Eltern verabschiedet hatten, entschieden wir uns, bereits am Sonntag morgen früh auszulaufen, um dem nahenden heftigen Mistral zu entfliehen. In einem Tag legten wir die rund 40 Seemeilen nach Fréjus zurück und fanden dort ein erstes, recht gut geschütztes, uns bereits aus dem Vorjahr bekanntes, Quartier. Am Montag feierte der Maestrale dann auch in Fréjus Party, nachdem er offenbar bereits im Golf von Lion sogar für dortige Verhältnisse heftig gewütet haben soll. Uns war’s recht, dass wir einen guten Abri hatten. Die nächste Nacht verbrachten wir quasi gleich um die Ecke, an einer Boje in der Rade d’Agay.

Der eindrückliche Schwell, der wegen der tagsüber wehenden Südwinde entstanden war, war nicht nur nervtötend – das Schiff ächzte und lärmte und jaulte um alle Achsen – sondern löste auch einen Schwell von angestauten Emotionen, ungeklärten Fragen, unterdrückten Ängsten aus. So fuhren wir vorübergehend zurück auf Feld zwei nach Fréjus und nahmen uns ein paar Tage Zeit. Jeder für sich selber, wir für einander und unser Projekt. Schliesslich fühlten wir uns wirklich bereit, das Abenteuer zu wagen. Vielleicht haben wir ein paar Tage verloren, sicher aber einiges gewonnen. Zuversicht, etwas Ruhe und Mut, weiterhin gemeinsam Segel zu setzen. Ab und zu muss halt zuerst das Kielwasser verschwunden sein, bevor der Kurs auf neue Ziele abgesteckt werden kann. Äbe. Und jetzt sitzen wir in den Unterhosen im Cockpit unseres schwimmenden Wohnwagens und geniessen das Privileg, die nächtliche Skyline von Calvi bestaunen zu dürfen. Und das ist grad extrem gut so.

olmahoi ist unterwegs, südwärts.

Cevapcici und happy Sailing

Ein Segeltörn unter Familien-Freunden.

Die Woche in der Adria einfach als „Trainingslager“ für unser XXL-Projekt zu bezeichnen, würde dem Geist und der Stimmung auf diesem Törn nicht gerecht. Ganz und gar nicht. Zwar konnten Marc und ich harte und softe Ware noch einmal unter echten, salzhaltigen Bedingungen testen, Kenntnisse auffrischen, neue Erkenntnisse gewinnen. Zum Beispiel, dass es schlicht super ist, eine ganze Achterkabine als Reduit zum Verstauen von nicht täglich benötigtem Zeug nützen zu können. Und wie toll es sein kann, wieder einmal eine ganze Woche mit den (Schwieger-)Eltern auf wenigen Quadratmetern zu verbringen. Echt und ganz ehrlich! Unter den speziellen Corona-Umständen gehörte wohl auch es Bitzeli oder no chli mehr Mut dazu. Und Geduld mit Coolness auf Eis – wurden doch erst am 15. Juni die Grenzen wieder so geöffnet, dass eine Reise nach Kroatien ohne grössere Einschränkungen möglich war.

Nach der Sternfahrt über verschiedene Routen treffen sich OlMa und RoMa – Rolf und Marlyse, Olis Eltern – auf dem grossen Parkplatz in der Marina Veruda in Pula (Kroatien). In einem guten Stimmungsmix aus Vorfreude und (An-) Spannung transferieren wir tags darauf unser Quartier an Bord der „Tequila Sunrise“, eine Jeanneau Sun Odyssey 389 mit Baujahr 2016. Gebunkert wird bereits am Vortag, sodass wir schon am frühen Nachmittag auslaufen, Segel setzen und Kurs auf das Kap Kamenjak an der Südspitze von Istrien nehmen können. Nach dem kurzen Eingewöhnungs-Schlag finden wir in der Ankerbucht Portic ein sicheres Quartier für die erste Nacht an Bord. Das passt schon mal bestens, der Ankertrunk wird allgemein als verdient empfunden und der Bordalltag süüferli willkommen geheissen. Gut so.

Am nächsten Tag wagen wir den Gumpp auf die Insel Unije. Nach der etwas anstrengenden Vertäuung der Yacht am doch ziemlich umständlichen Bojen-Anlegesystem (mit Bug- und Heck-Muringleinen) wagt sich tout Crew im Dinghy unter Viertaktgeknatter an Land. Nach einer kurzen Wanderung über den Hügel erreichen wir auf der anderen Seite das Dorf Unije. Was zu Beginn nicht sehr einladend wirkt, endet am Schluss in einer netten Konoba direkt am Strand mit Blick durch Geranien-Hain aufs Hafenkino. Die bestellten Doraden entpuppen sich bereits auf den zweiten Blick als Tintenfische. Dafür sind die nachgereichten Cevapcicis lecker, der Hauswein und eine Extraportion Ferienstimmung kitzeln den Gaumen. Ein gelungener Segeltag findet mit der Rückverlegung ein Ende.

Der Montag führt uns unter etwas volleren Segeln ins rund 20 Meilen entfernte Bojenfeld zwischen zwischen Ilovik und Sveti Petar, südlich der Insel Losinj. Wir werden mit einer herrlichen Aussicht auf das kleine, hübsche Dorf Ilovik belohnt. Der mässige Nordwestwind erfordert sicheren Halt, die Boje Nummer 38 bietet diesen. Wir lassen uns mit dem Wassertaxi ins Dorf übersetzen. Einkaufen, Apéro, Nachtessen in einem netten Restaurant direkt am Kanal – und endlich gibt’s für OlMa frische Goldbrassen. Aber wirklich, wirklich frische! Mit einem sehr teuren Schafskäse in der Einkaufstasche – den muss der Skipper selber bezahlen! – fahren wir wieder zurück in unser schwimmendes Quartier.

Die weiterhin vorherrschenden Winde aus nördlichen Richtungen lassen uns am Dienstag auf einem Halbwindkurs mit flotten 6 Knoten nach Osten segeln. Shit happens, just an Marlyses Bikini-Bädele-Sünneletag erfordern es Dünung und Wind, ein paar Stunden in Schwimmwesten und mit Lifeline zu verbringen. Was ausgerechnet am ausgerufenen Bikini-Bädele-Sünneletag verständlicherweise auf wenig Begeisterung stösst. Mutti im Lockdown, angebunden am Cockpit-Tisch! Grrr… Nach öppe zwei Stunden war das Ganze auch schon wieder vorbei, ein Bade- und Mittagshalt im Windschatten der Insel Skrda wirken versöhnlich. Am Festland türmt sich das Gewölk und der kurz vor der Einfahrt in den Hafen Simuni einsetzende Fallwind lassen den Skipper an der Qualität der Routenwahl zweifeln. Doch die kleine Marina schützt gut, wir liegen einigermassen ruhig, mit etwas achterlichem Wind an der Pier. Auch dieser Ort scheint schon belebtere Zeiten gesehen zu haben, dafür gibt’s 30% Rabatt auf die Hafengebühr. Auch ein Statement. Und zwar ein sympathisches. Null Bock auf Beizen-Food, die Rösti an Bord schmeckt hervorragend!

Am nächsten Tag zeigt sich Aeolus wieder von der knausrigen Seite. So muss der Motorgott Yanmar einspringen und uns auf den rund 25 Meilen nach Cres den nötigen Vortrieb spenden. Die Reise lohnt sich. Vor Anker in der Martinscica-Bucht kommt auch Marlyse endlich zum wohlverdienten Bad im klaren, türkisblauen Wasser über Sandgrund. Genau so  stellt man sich eine Ankerbucht vor! Die kurze Exkursion per Dinghy zu einer nahen Ausgrabungsstätte führt bei Marc zu kurzzeitigem Herzrasen. Die stattliche Vierstreifennatter, die sich wegen Störung der Sonnenbadruhe zurückziehen muss, hat vermutlich auch keine Freude an dieser Begegnung. Ein herrlicher Sonnenuntergang bei Speis und Trank und guter Laune versöhnt Marc mit diesem Schrecken. Wie sich der Abend der Schlange gestaltete, entzieht sich unserer Kenntnis.

Donnerstag, Termindruck! Die Drehbrücke bei Osor, welche die Inseln Cres und Losinj verbindet, öffnet um Punkt 9 Uhr. Wir machen uns frühzeitig auf den Weg – im leichten Regen. Tolle Idee. Das Fahrwasser den Kanal rauf (oder runter?) ist äusserst seicht. Zwar ist die Fahrrinne gut markiert, stellenweise befindet sich aber bloss noch ein halber Meter Wasser unter dem Kiel. Dies ist zwar deutlich mehr als die berühmte Handbreit, reicht aber trotzdem für einen temporär trockenen Mund beim Skipper. Immerhin, der Regen hört bald auf und wir sind pünktlich am Ziel. Überpüntklich! So müssen vor dem Hafen bei Osor einige Warterunden gedreht werden und bald sind wir nicht mehr allein. Leider verliert Steuermann Marc die Pole-Position. Trotzdem passieren wir kurz nach 9 Uhr  glücklich und um ein cooles Erlebnis reicher die nicht sehr lange, dafür recht schmale Wasserstrasse mit reichlich achterlicher Strömung.

Nach der Passage Kurs West-Nord-West, zuerst unter Segeln, dann halt wieder unter Motor. Der zwischenzeitlich schon sehr routinierte Steuermann Rolf fährt irgendwie kryptische Kurse und verzweifelt an der unmöglichen Instruktion, nach einem bestimmten Einfallswinkel des scheinbaren Windes zu steuern. Der Fahrtwind weht immer von vorn… Test bestanden, Irrtum aufgeklärt, wir steuern wieder nach einer Landmarke. Und zwar direkt in die Bucht von Medulin, wo wir im Angesicht von glücklicherweise noch nicht sehr belebten Hotelanlagen und Campingplätzen die letzte Nacht unterwegs verbringen. Als der Skipper dann noch eine Lösung für die durch das Schwoien überspringende Ankerkette gefunden hat, kehrt endlich Ruhe ein. Und der Schlaf zurück.

Auf den letzten Meilen an Bord der „Tequila Sunrise“ runden wir Kap Kamenjak sowie das Leuchtfeuer Porer und nehmen wieder Kurs auf Pula. Nach einer ziemlich anstrengenden Wartestunde vor der einzigen Diesel-Zapfsäule – bei achterlichem Wind im rückwärtigen Standgas die Startposition behaupten, weischwie? – legen wir wieder am Steg 14 an. First-Class-Sailing macht dem Firmennamen alle Ehre, das technische Checkout wird unkompliziert und effizient erledigt. Die letzte Nacht in Pula verbringen wir alle wieder in unseren Camper-Liegen. Der Rest ist Geschichte. Und schöne Erinnerungen… an eine sehr stimmige Woche mit zufriedenen, entspannten und gwundrigen Menschen. Danke für diese wertvollen Tage, den Mutigen gehört die Welt! Gern wieder, auf bald, olmahoi

Blick achteraus

… denn gebloggt wird später.

Im Juni 2019 lösten wir erstmals als Zweier-Crew die Leinen. Mit Ziggy Stardust, einer Sun Odyssey 33i segelten wir über Port-Cros nach Fréjus. Von dort wagten wir uns durch die Nacht, stets das Leuchtfeuer von Calvi auf Korsika recht voraus. Auf Halbwindkurs schafften wir diesen Schlag in rund 20 Stunden. Müde, müde, müde aber doch irgendwie sehr glücklich erreichten wir, begrüsst von der Zitadelle in der Morgensonne, den Golf von Calvi. Irgendwie so müssen sich Vespucci & co gefühlt haben.

Es folgten superschöne Segeltage mit teilweise recht anspruchsvollen Bedingungen an der korsischen Westküste. Als Zweier-Crew fehlen schnell ein paar Hände und Augen. Dies konnte durch vorausschauende Planung, gute Vorbereitung sowie hilfsbereite Mitmenschen kompensiert werden. Und wir entdeckten eine spezielle, uns bis dahin unbekannte Ebene, wie wir als echtes Team an Bord eines Segelschiffs gut funktionieren.

So schafften es Schiff und Crew nach zwei Wochen (fast) unbeschadet und an vielen Erfahrungen bereichert wieder in den heimischen Hafen zurück – rechtzeitig vor einem aufziehenden Stum. Tja, und das macht eben Lust auf mehr und länger. Auf Ziggy Stardust folgt Wanderlust, eine Dufour 350, die Leinen lösen wir Anfang August in Hyères und Ende Oktober sollten wir dort wieder festmachen. Soweit so fix, der Horizont ist das Ziel. Anker auf, olmahoi!