Flautenspiele

Nun sind wir also bereits seit zwei Tagen in Arbatax, wo wir vor einem nahen Gewitter Schutz gefunden haben. Und einen durchaus netten, kleinen, unaufgeregten Hafenort, der uns alles bietet, was wir brauchen. Nämlich nicht sehr viel. Soweit, so gut. Nur, wenn faktisch Windstille herrscht, oder ämu bloss ein leises Geflüster zu vernehmen ist, ist viel Geduld (oder Diesel) gefragt. Und Ideen, wie die, glücklicherweise vorhandene, Zeit sinn- und lustvoll für terrestrische oder technische Projekte investiert werden kann soll muss. Davon handelt dieser Blog. Ein bisschen. Doch vorerst doch noch ein kurzer Reisebericht.

Dieser startet in Carloforte, wo wir am letzten August-Tag kurz nach dem Durchzug einer Kaltfront die Leinen gelöst haben. Der Abschied fiel einigermassen schwer, der Aufbruch in die wunderbar klaren vier Beaufort Wind aus Nordwest, die uns im Canale di San Pietro erwarteten, trösteten rasch. Nach einer fallböenbedingt unruhigen Nacht vor Anker an der Südostspitze der Insel Sant’Antiocco querten wir den Golfo di Palmas, rundeten das Kap Teulada und warfen schliesslich Anker auf der Ostseite des Capo Malfatone. Von hier aus wanderten wir zur Abwechslung mal an ein Kap. Das Capo Spartivento teilt dem Namen nach die Winde, aus dem Leuchttum wurde ein Hotel, in der nahen Bucht gibt’s Lemonsoda. Auf dem Weg zurück zum Dinghy genossen wir noch einmal herrliche Aussichten aus einer wildromantischen Natur.

Kap über Kap, Torre nach Torre fuhren wir weiter nach Cagliari. Nach einer wunderschönen, abwechslungsreichen Küste, wurde es plötzlich industriell, gross, laut. Die Einfahrt in den Golf löste unter der Wanderlust-Besatzung nicht das maximal mögliche Glücksgefühlsspektrum aus, wie es bei Erreichen einen eigentlichen Meilensteins dürfte. Sind wir zwischenzeitlich zu Ankerbucht-Piraten geworden? Ja gern! Zwei Tage später hatten wir uns einigermassen mit der quirligen, Multikulti-Inselhauptstadt versöhnt und lösten die Leinen in der einigermassen schrulligen Marine del Sole. Auf dem Weg zum Capo Carbonara ging’s nach einem Badehalt in einer Bucht grad chli sehr flott voran. Nach einem blossen Windgeflüster am Vormittag wurden wir quasi aus heiterer See von fünf Beaufort Wind auf den Bug heimgesucht. Der weitere Weg in die Bucht vor Villasimius musste hart am Wind erkreuzt werden. Zum Glück bot die Bucht den erhofften Schutz und eine ruhige Nacht.

Die Südostecke der Insel – eben das Kap, das den Spaghettis den Namen gab – mussten wir leider auch unter Motor passieren. Und Motorboote nerven irgendwie. Doch davon später mal. So kam es jedenfalls, dass unser Kompass seit Anfang September bloss noch eine Hauptrichtung kennt: nordwärts. Und so kam es eben auch, dass wir via Porto Corallo vor ein paar Tagen Arbatax gefunden haben. Oder es uns.

Hier herrscht grad Herr Flaute und Frölein Gewitter, und wir suchen die Gegend in einem gemieteten Fiat Panda heim, finden im gut sortierten Loeb XXS in Ulassai endlich das lange gesuchte Schneidbrettli (!) und ein paar schrillfarbene Sitzkissen für unsere nahenden Gäste, bevor wir in der nahen Grotte Stalaktiten und Stalagmiten – ja, genau, die einen so, die anderen anders – bestaunen und uns wieder mal so richtig klein und unbedeutend vorkommen. Das geht auch und das geht gut.

Ansonsten sind wir wohlauf und wissen die Zeit auch sonst zu nutzen. Skipper’s Choice ist es, in praktisch jeder bebadbaren Bucht tauchend die Propellerachse von Fischergarn zu befreien. Das Zeug schwimmt offenbar überall und irgendwo rum, findet zuverlässig den Weg zu unserem Antrieb und hat bis jetzt zum Glück noch keinen Schaden angerichtet. Weiter musste kürzlich den sich an der Logge niedergelassenen Röhrenwürmern (weiss, hart, vermutlich Vegi-Würmer) mit Seifenwasser der Garaus gemacht werden. Logge raus, Loch im Schiff, Zapfen rein und das Ganze retour. Seither sind wir auch wieder mit Fahrt durchs Wasser unterwegs. Auch das geht und muss.

Marc vertreibt sich die Zeit in der Regel nachhaltig und durchaus konstruktiv. So verbringt er Stunden, Reiseführer zu studieren und Landausflüge zu organisieren. Und er verbringt verdankenswerterweise Stunden in der Kombüse und zaubert prgamatisch-lukullische Genüsse auf den Tisch. Die Melanzane alla Parmigiana jedenfalls war grossartig. Die selbst kreierten und gebackenen Brote sind es ebenfalls.

Hier ein kurzer philosohischer Erfahrungsbericht zum Projekt Sarazenen-Brot: „Man nehme dafür: Bio-Farina di Saracena. Sarazenenmehl? Die Googelei hat ergeben: Sarazenenmehl ist per se kein Mehl, nein, sondern gemahlener Buchweizen, der eben kein Weizen ist. 150 Gramm dessen mit 350 Gramm anderem Mehl vermischt ergibt eine recht dunkle, kompakte, schwere Masse. Gleichwohl, der Teig ist aufgegangen, back- und sogar geniessbar. Bauchweh gab’s davon zumindest nicht. Anderweitige Verdauungsstörungen sind ebenfalls ausgeblieben.

Gleichzeitig macht die Backerei auch viel Vergnügen. Wir haben Zeit, können ausprobieren. Aber eben: ist man in einer Bucht und denkt nicht ans Backen, gibt’s dann halt kein Brot zum Frühstück. Bäckst oder kaufst du nichts, isst du nichts. Isst du nichts, segelst du schlecht. Segelst du schlecht, wirst du grantig und schreibst schlechte Blogs, weil du nicht übers Segeln, sondern andere, alltägliche Dinge schreibst, die banal, alltäglich sind. Darum gehen wir morgen zeitig los und besorgen uns anständige, brotartige Grundlagen für ein gutes Frühstück. Sonst wird’s ein grantiger Segeltag, der obendrein keine Ideen für einen guten Blog liefert.“

Sobald wieder Wind bläst, sind wir hier weg. Vielleicht auch schon früher. Denn in wenigen Tagen gibt’s Besuch und der rote Teppich ist noch in der Reinigung! Bis bald, bleibt gesund … olmahoi nordwegs.

2 Gedanken zu „Flautenspiele

  1. Ja das Segeln bietet in seiner Gesamtheit durchaus Alles. Eben vom Brötli backen oder Schiff säubern über Karten studieren oder im, um oder unter dem Schiff schwimmen inclusive tauchen nach Fischergarn! Hoffentlich findet ihr auch Zeit etwas zu faulenzen bei Müssiggang . Bald habt ihr ja Matthias zu Gast um den ihr euch kümmern könnt, auch das ist schon wieder Abwechslung pur und wird freuen. Die interessanten Blogs werden weiter geleitet und finden enormen Anklang.
    PS Röhrenwürmer lassen sich teuer verkaufen, scheinbar sind die auch in Aquarien gehalten🤔. Gruselig. Macht’s weiter gut, bis zum nächsten mal und herzlichen Dank für für den interessanten Lesestoff. Liebe Grüsse Aus Oberwil.

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